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Test - Nobody Wants to Die : Test: Eine polnische Perle tanzt den Braindance

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Noch im März sorgte der Ankündigungstrailer zu Nobody Wants to Die zumindest bei Sci-Fi-Fans für Interesse, danach verschwand das Erstlingswerk der polnischen Critical Hit Studios mehr oder weniger in der Versenkung. In der offenbar durch Embracer-Ärger klammen Marketingkasse des Publishers Plaion waren wohl nur noch ein paar Briefmarken übrig. Wie auch immer, nun ist das Spiel da, es ist uns irgendwie aufgefallen und schnell wird klar, dass Liebhaber von Story und Atmosphäre etwas verpassen könnten, wenn sie Nobody Wants to Die ignorieren.

Schon der Trailer von Nobody Wants to Die sah beinah nach einem AAA- oder zumindest AA-Titel aus. Das Spiel ist jedoch für weniger als 25 Euro für PC, PS5 und Xbox Serie X/S erhältlich und dazu noch das Erstlingswerk eines jungen polnischen Studios. Dafür muss man in Kauf nehmen, dass die Spielzeit mit fünf bis sechs Stunden recht überschaubar ist. Aber es lohnt sich. Manchmal ist ein leckerer Snack einfach besser als ein hingepfuschtes 5-Gänge-Menü. Im Falle von Nobody Wants to Die gilt das allerdings nicht für Action-Fetischiste, die müssen woanders mampfen.

Die Story geht schnell unter die Haut. Wir schreiben das Jahr 2329 in einem dystopischen New York, das an allen Ecken und Enden dicke Vibes von Bladerunner und auch ein bisschen Rapture von Bioshock verströmt. Endlose Häuserschluchten, Neon und Art Deco, Science Fiction und 40er-Jahre-Flair prallen in einem gewaltigen Crash aufeinander. Allein der Anblick der fliegenden Autos, deren Karosserien den Glanz der 30er und 40er Jahre repräsentieren, lässt das Herz höher schlagen. Wer Night City, Columbia oder Rapture geliebt hat, wird sich kaum sattsehen können und bekommt auch reichlich Gelegenheit dazu.

Das düstere New York ist keine offene Spielwelt, sondern erzählt eine lineare Geschichte, die im Grunde aus fünf Fällen oder Schauplätzen besteht. Darin übernehmt ihr die Rolle von Detective James Karra von der Abteilung für Sterblichkeit. James hat schwere Zeiten hinter sich und die Erinnerungen an den Tod seiner Frau, den Verlust seines Partners und einen schief gelaufenen Einsatz quälen ihn Tag für Tag. Kaum arbeitsfähig, schlägt sich James durch, immer eine Zigarette oder eine Flasche Whisky in Reichweite. Und das mit einem Hauch von Max Payne. Ein typischer Film-Noir-Antiheld eben.

Als ein Mitglied der Stadtelite ermordet wird, gerät James zusammen mit seiner Kollegin Sara, die ihn per Funk unterstützt, in einen bizarren Mordfall, der Kreise zieht, schließlich die ganze Stadt erschüttert und die Neonfassaden zum Beben bringt. Dazu muss man wissen, dass die Technik in dieser Spielwelt so weit fortgeschritten ist, dass das Bewusstsein von Körper zu Körper transferiert werden kann, wenn man genug Geld hat und sich an gewisse Regeln hält. Alle, die sich das nicht leisten können, wandern quasi als Körperreserve in die Bank. Auch James und Sara haben schon Körperwechsel hinter sich, leiden aber auch unter den Auswirkungen, denn so ganz problemlos funktioniert das nicht.

Besagter Mord und die folgenden Ereignisse reißen die Tapete dieser doch recht grausigen Normalität ab und werfen unzählige Fragen über Ethik, Moral, Macht und Sterblichkeit auf. Mehr Cyberpunk geht nicht, gepaart mit einer Detektivgeschichte im Stil des alten Film Noir. Tatsächlich erinnern viele Passagen an typische Genrefilme, die Dialoge sind rau und pessimistisch (wenn auch leider nur auf Englisch mit deutschen Untertiteln), der Humor eher trocken und sarkastisch. James und Sara bilden dabei ein hervorragendes Duo via Funk. Dank verschiedener Dialogoptionen wird es auch nicht langweilig, man kann James quasi eigene Nuancen verpassen und damit eine gewisse Dynamik zu Sara aufbauen.

Wer auf Action hofft, wartet allerdings vergebens. Nobody Wants to Die ist eher ein Adventure und Walking Simulator. Die Interaktionen beschränken sich auf Dialogoptionen und das Erkunden von Umgebungen und Tatorten. Dies allerdings auf clevere Art und Weise, denn Critical Hit Games hat sich offensichtlich ein wenig bei den Landsleuten von CD Projekt RED bedient. Die Untersuchung von Tatorten und Ereignissen erinnert nämlich stark an die Braindances aus Cyberpunk 2077.

Ihr sucht nach Spuren, sammelt Beweisstücke, lest Dokumente. Mit einem Infrarot- und einem Röntgensichtgerät sucht ihr nach Hinweisen. Vor allem aber habt ihr ein Werkzeug, mit dem ihr ganze Tathergänge wie bei einer Videoaufzeichnung rekonstruieren könnt. Damit könnt ihr einen Tathergang quasi vor- und zurückspulen, um alle Details eines Ereignisses vollständig zu nachzubilden und daraus eure Schlüsse zu ziehen und andere Hinweise offenzulegen. Am Ende habt ihr einen Haufen Spuren und Indizien, die ihr nur noch ähnlich wie in Alan Wake 2 zusammenfügen müsst.

Der Ablauf ist zwar immer sehr ähnlich, aber es macht Laune, ganz gechillt einen Tathergang zu rekonstruieren und auf jedes Detail zu achten. Falsch machen könnt ihr dabei freilich nichts. Nobody Wants to Die will euch die Story erleben lassen und mehr nicht. Das könnte sich schnell abnutzen oder langweilig werden, aber die Spieldauer von fünf bis sechs Stunden ist genau richtig, damit eben dies nicht passiert. Gerade wenn man denkt „oh nee, nicht schon wieder“, ist das Spiel auch schon vorbei.

Nobody Wants to Die - Launch-Trailer zum Release des Noir-Abenteuers

Nobody Wants to Die ist da und versetzt euch in ein dystopisches Noir-Abenteuer im New York des Jahres 2329.

Spielerisch hat Nobody Wants to Die damit zugegebenermaßen nicht allzu viel zu bieten, aber das hat auch schon bei anderen Spielen funktioniert. Siehe The Invincible, The Observer oder ein Stück weit auch Senua’s Saga: Hellblade 2. Das Spiel lebt von seiner Story, den Charakteren und der visuellen Umsetzung.

In diesem Sinne ist es kein Spiel, sondern ein interaktiver Roman. Und zwar ein ziemlich guter. Und noch dazu einer mit verschiedenen Enden, oder besser Endsequenzen, denn der Verlauf bis dahin wird nur in Nuancen durch Dialogoptionen beeinflusst. Insgesamt sind es vier, und wie man sich beim Genre denken kann, ist auch das „Happy End“ eher relativ. Entscheidend für den Ausgang sind verschiedene Schlüsselentscheidungen während des Spiels. Fies: Man kann nicht manuell abspeichern, will man also alles erleben, muss man sich noch einmal komplett ins Zeug legen.

Die visuelle Umsetzung sieht übrigens so gar nicht nach einem 25-Euro-Spiel aus, denn Critical Hit Games haben sich auf der Unreal Engine 5 so richtig ausgetobt und sehenswerte Schauplätze mit beeindruckendem Art Design gebaut. Für ein kleines Studio mit einem vermutlich eher mageren Budget sieht Nobody Wants to Die fantastisch aus. Dank des überaus gelungenen Soundtracks und der stark vertonten Dialoge ergibt sich aus dem Gesamtpaket eine tolle Immersion, die einem gepaart mit den teilweise sehr morbiden Schauplätzen schon mal die eine oder andere Gänsehaut über den Rücken jagt.

Greift zu, wenn...

… ihr Wert auf eine abgefahrene, gut inszenierte Story, viel Cyberpunk- und Noir-Atmosphäre, etwas Detektivarbeit im Stile des Cyberpunk-2077-Braindance und schönes Artdesign legt.

Spart es euch, wenn...

… wenn ihr auch nur ansatzweise Action in euren Spielen braucht. Nobody Wants to Die ist dafür zu sehr interaktiver Detektiv-Walking-Simulator.

Fazit

Andreas Philipp - Portraitvon Andreas Philipp
Eine absolute Perle in Sachen Story und Inszenierung, aber nichts für Action-Liebhaber

Nobody Wants to Die hatte ich nicht wirklich auf dem Radar. Ein erster Trailer im März hatte mich zwar neugierig gemacht, aber sonst ist das Spiel nirgendwo so richtig aufgetaucht. Es zu verpassen wäre allerdings mehr als schade, denn das Erstlingswerk von Critical Hit Games aus Polen trifft meinen Nerv. Das liegt vor allem an der düsteren Erzählweise und der abgedrehten Story, setzt sich in der visuellen Umsetzung fort und wird durch das detektivische Gameplay, das durch die Kürze des Spiels gerade noch so vor der Langeweile bewahrt wird, zusätzlich bestätigt.

Nicht falsch verstehen, die Spieldauer von etwa fünf bis sechs Stunden plus Wiederholung, um alle vier Enden zu erleben, ist genau richtig und da das Spiel nur etwas über 20 Euro kostet, auch durchaus fair. Es ist einfach ein düsteres, gut erzähltes und spannendes Abenteuer zum entspannten Genießen, ohne jedwede Action, dafür aber mit reichlich Immersion und genretypischen Denkanstößen zu Moral und Ethik futuristischer Gesellschaften. Allerdings auch mit wenig wirklichem Gameplay, es hat schon eher was von einem interaktiven Film oder einem Walking Simulator.

Aber es erzeugt bei mir ein gewisses Wohlgefühl, weil ich viele Elemente entdecke, die nicht wirklich kopiert wurden, aber offensichtlich als Inspiration dienten. Das Wesen des Hauptcharakters hat einen gewissen Max Payne Touch, das Art Design erinnert an Bladerunner und BioShock-Rapture, die Detektivtools an Braindance aus Cyberpunk 2077. Das daraus resultierende Süppchen hat zwar nur Vorspeisenvolumen, schmeckt aber besser als so manches XXL-Schnitzel mit Mayo.

Eine kleine Perle, die ich nur jedem empfehlen kann, der gute Geschichten und Atmosphäre zu schätzen weiß. Von Citical Hit Games dürfte noch einiges zu erwarten sein, so es denn bestehen kann. Allein deswegen schon habe ich die 22,49 Euro für das Spiel mit Vergnügen ausgegeben.

Überblick

Pro

  • abgefahrene, gut geschriebene Story
  • tolles Art Design
  • wunderbar detailverliebte Umgebungen
  • wunderbare visuelle Umsetzung angesichts des potentiell eher schmalen Budgets
  • starker Soundtrack
  • clevere Detektivmechaniken, die stark an Cyberpunk-2077-Braindance erinnern
  • kurze Spieldauer verhindert geradeso die Langeweile bei den Spielmechaniken
  • Entscheidungen und vier verschiedene Enden

Contra

  • relativ wenig Gameplay, Spieldauer hätte kaum länger sein dürfen
  • um alle Enden zu erleben, muss das Spiel mehrfach gespielt werden (keine manuellen Savegames)
  • sehr linear, Spiel nimmt einen komplett an die Hand

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